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Als der Integrationskurs den ersten Teil der Mündlichen Prüfung für den DTZ, die Vorstellung, übte, verblüffte Eunice uns damit, dass sie Künstlerin als Beruf angab. Auf Nachfrage erzählte sie, dass sie in ihrem Herkunftsland, der Demokratischen Republik Kongo, eine bekannte Bildhauerin war. Das wollten wir natürlich genauer wissen und haben sie um Fotos und ein Interview gebeten.

  • Eunice, wie bist Du auf die Idee gekommen, Künstlerin zu werden?

    Ich hatte schon als kleines Kind Interesse an Kunst, weil ich in eine Künstlerfamilie geboren wurde. Mein Vater ist Künstler sowie einige Mitglieder meiner Familie. Als Kind spielte ich mit Ton und machte kleine Figuren. Später wollte ich nur Kunst machen und bin deshalb auf die Akademie der Bildenden

    Künste in Kinshasa gegangen und habe einen Abschluss in Bildhauerei gemacht.

    Warum gerade Bildhauerei?
    Die Bildhauerei ist wie eine Berufung für mich. Ich liebe es, durch meine Skulpturen eine Botschaft an meine Gesellschaft zu schicken.
    War es schwierig für dich, Kunst zu studieren?
    Auf die Akademie zu kommen war nicht schwierig. Man musste ein gutes Abitur
    haben und die Aufnahmeprüfung bestehen. Aber die Schwierigkeit besteht darin, dass die Bildhauerei eine Kunst ist, die
    im Kongo nur sehr wenige Frauen ausüben, weil sie als typische Männer-
    domäne gilt. Als ich die Universität abschloss, war ich die einzige Frau in der Klasse und ich war dabei, meine weibliche Seite aufzugeben und hart zu arbeiten wie die männlichen Studenten in meiner Klasse. Und dann war mein
    Vater Professor an der Kunstakademie von Kinshasa und deshalb habe ich
    mich immer mehr gefordert, um besser zu werden.
    Es war sehr schwer, weil das Schnitzen von Holz mit den Werkzeugen, die wir
    in Afrika verwenden, überhaupt nicht einfach ist. An der Universität haben wir
    mit traditionellen Werkzeugen wie Dechseln und Äxten zum Aufrauhen und
    zur Veredelung unserer Holzschnitzereien gearbeitet. Wir haben manchmal Trümmer von
    zerbrochenen Flaschen zum Polieren verwendet. Wir waren nur zwei Frauen in der Klasse, und es herrschte eine starke Konkurrenz zu den männlichen
    Studierenden. Das Herstellen von Skulpturen durch Schweißen war während meiner Studienzeit auch nicht einfach, weil wir keine Schutzbrillen und oft starke Augenschmerzen hatten, weil wir unsere Augen beim Schweißen nicht richtig schützen konnten.

    Warum benutzt du Abfall für Deine Kunst?
    Ich sende eine Nachricht an alle, um dem Recycling von Gegenständen Bedeutung zu verleihen. Auch ist es eine Möglichkeit, dem, was als hässlich gilt, Schönheit zu verleihen. Deshalb sind meine Skulpturen so groß, weil ich Arbeiten mag, die auch von Weitem Aufmerksamkeit erregen und eine Botschaft vermitteln.
    Inspiriert wurde ich dabei von einem berühmten Satz des großen französischen Chemikers Antoine Laurent de Lavoisier, der sagt:
    „Nichts geht verloren, nichts wird neu geschaffen, alles wird umgewandelt.“ Dieser Satz inspiriert mich zu sagen, dass alte Gegenstände nicht verloren gehen, sie müssen geborgen werden und ein zweites Leben erhalten.

    Hast Du Vorbilder?
    Ja, es gibt mehrere französische Künstler, die mich sehr in der Kunst der Wiederverwertung inspirieren, weil sie auch mit Abfall arbeiten. Aber meine größten Vorbilder in der Bildhauerei sind mein Vater Sigismond Kamanda Ntumba Mulombo sowie der kongolesische Künstler Freddy Tsimba.

    Planst Du auch in Deutschland eine Laufbahn als Künstlerin?
    Ja, auf jeden Fall. Ich würde sehr gerne meine kunst in Deutschland ausüben, an großen Ausstellungen, Kunstfestivals teilnehmen und natürlich in Künstler-Akademien eingeladen werden. Im Kongo bildhauerte ich jeden Tag. Aber in Deutschland habe ich nicht genug Platz, um zu schweißen und Holz zu bearbeiten. Das ist mein größter Kummer!

    Vielen Dank, Eunice Kamanda, viel Glück bei Deinen Plänen!

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